| Geschichten
Niemand lässt sich gerne etwas sagen, doch jeder
hört gerne Geschichten.
Die zwei Wölfe
Es erzählt ein alter Indianer seinem Enkel: "In
meiner Brust wohnen zwei Wölfe: Einer ist der Wolf der Dunkelheit,
der Angst, des Misstrauens, der Verzweiflung und des Neides. Der andere
ist der Wolf des Lichtes, der Liebe, der Lust und der Lebensfreude".
Da fragt der Enkel: "Und welcher der beiden wird gewinnen?"
Der alte Indianer antwortet: "Der, den ich füttere."
(Quelle unbekannt)
Zwölf Prinzen und ein wandernder Bursche
Es war einmal eine Prinzessin, die war so traurig,
dass sie nicht mehr sprach, und niemand vermochte sie aufzuheitern. Da
der König seine Tochter liebte, ließ er im Reich verkünden,
dass derjenige seine Tochter zur Gemahlin bekäme, der ihr Schweigen
und ihren Kummer besiegte.
Da kamen die zwölf Prinzen aus den zwölf Provinzen des Landes
zu ihr: Der erste versuchte, sie zu trösten. Der zweite pries ihre
Schönheit. Der dritte versuchte, sie abzulenken. Der vierte fragte
nach den Gründen ihres Schmerzes. Die Prinzessin schwieg. Der fünfte
sagte, ihr Kummer sei eine Folge der Jahreszeit und würde bald verschwinden.
Der sechste riet ihr, ihren Kopf zu heben, zu lächeln und sich zu
bewegen. Der siebente forderte sie auf, Kräutertee zu trinken. Der
achte hielt einen Vortrag über Melancholie junger Damen, insbesondere
des höheren Standes, alles vergeblich. Der neunte redete ihr ins
Gewissen. Der zehnte warnte sie vor den schlimmen Folgen ihrer Trübsal.
Der elfte warf ihr vor, dem lieben Gott den Tag zu stehlen. Und der zwölfte
nannte sie einfach eine Heulsuse und zog ärgerlich wieder ab.
Auch ein wandernder Geselle hörte diese Geschichte von den vergeblichen
Versuchen der zwölf Prinzen und ging zum Schloss. Dort wollte man
ihn nicht einlassen. Der verzweifelte König aber ließ es dann
doch zu.
Als der Bursche die Kammer der Prinzessin betrat, sah er sie weinend auf
ihrem Lager. Sie war so in sich gekehrt und weinte so still, dass es ihm
ans Herz griff und er sich schweigend auf einem Stuhl niederließ
und dort verharrte. Einen ganzen Tag lang. Erst am Abend hob die Prinzessin
den Kopf und bemerkte, dass sie nicht allein war. Auch der Bursche sah
auf und als sie ihre Augen auf ihn richtete, sprach er leise zu ihr: "Du
bist so traurig, dass du das Leben um dich herum nicht mehr bemerkst."
"Ja", sagte die Prinzessin und das war das erste Wort seit drei
Monaten.
Und weil dies ein Märchen ist, kriegt der Bursch die Prinzessin zur
Frau.
Und weil dies kein Märchen ist, kriegt er sie auch.
(Quelle: Mohl, Alexa, Metaphern-Lernbuch. Geschichten und Anleitungen
aus der Zauberwerkstatt. Junfermann Verlag, 1998)
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